Schmerzgedächtnis · Lexikon · Altmann Institut
Schmerzverständnis · Lexikon

Schmerz­gedächtnis

Claus Altmann · Physiotherapeut & Schmerztherapeut · Altmann Institut Emmendingen
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Die Informationen auf dieser Seite ersetzen keine ärztliche oder therapeutische Diagnose. Physiotherapie findet immer auf Basis einer ärztlichen Verordnung statt und ist Teil eines ärztlich begleiteten Behandlungsprozesses. Bei anhaltenden Beschwerden wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.

Was ist Schmerzgedächtnis?

Schmerzgedächtnis beschreibt einen Zustand, in dem das Nervensystem Schmerz meldet — obwohl der ursprüngliche körperliche Auslöser längst nicht mehr vorhanden ist. Das Nervensystem hat das Schmerzmuster gespeichert und ruft es immer wieder ab. Nicht aus Böswilligkeit. Sondern weil Lernen der Grundmechanismus des Nervensystems ist — und Schmerz dabei keine Ausnahme macht.

Die neurobiologische Grundlage dafür ist gut verstanden. Im Rückenmark gibt es Synapsen, die sich durch wiederholte Schmerzreize dauerhaft verändern — sie werden empfindlicher, reagieren früher, stärker, auf schwächere Auslöser. Jürgen Sandkühler, Professor für Neurophysiologie an der Medizinischen Universität Wien, hat diesen Mechanismus als spinale Langzeitpotenzierung beschrieben: denselben Prozess, der im Hippocampus das Gedächtnis für Erfahrungen schreibt, schreibt im Rückenmark das Gedächtnis für Schmerz. Der Schmerz wird buchstäblich eingelernt.

Das bedeutet: Der Schmerz ist real. Er ist keine Einbildung. Aber sein Ursprung liegt nicht mehr im Gewebe — er liegt im sensibilisierten Nervensystem selbst. In meiner Praxis begegnet mir dieses Muster häufig bei Menschen mit chronischen Schmerzen: Alles ist verheilt, die Bildgebung ist unauffällig — und der Schmerz bleibt trotzdem.

Was das für dich bedeutet

Wenn dein Schmerz länger als drei bis sechs Monate anhält, wenn er sich ausbreitet statt einzugrenzen, wenn Bewegungen wehtun, die früher nie Schmerz ausgelöst haben — dann ist das Schmerzgedächtnis eine der wichtigsten Erklärungen, die du kennen solltest.

Das Nervensystem hat gelernt. Und es kann auch wieder umlernen. Nicht durch Willenskraft, nicht durch Ignorieren. Sondern durch Bewegung, die sich sicher anfühlt. Durch ein neues Verständnis dessen, was Schmerz wirklich ist. Und durch Zeit — in einer Umgebung, in der das Nervensystem Entwarnung bekommt statt weiterer Bedrohungssignale.

Physiotherapie findet immer auf Basis einer ärztlichen Verordnung statt und ist Teil eines ärztlich begleiteten Behandlungsprozesses — die Einordnung, ob ein Schmerzgedächtnis vorliegt, gehört zur gemeinsamen diagnostischen Arbeit.

Studienbezug

Sandkühler, J. (2009) Models and mechanisms of hyperalgesia and allodynia. Physiological Reviews, 89(3), 707–758.
Ruscheweyh, R., Wilder-Smith, O., Drdla, R., Liu, X.-G. & Sandkühler, J. (2011) Long-term potentiation in spinal nociceptive pathways as a novel target for pain therapy. Molecular Pain, 7, 20.
Latremoliere, A. & Woolf, C. J. (2009) Central sensitization: A generator of pain hypersensitivity by central neural plasticity. The Journal of Pain, 10(9), 895–926.
Watson, J. A. et al. (2019) Pain Neuroscience Education for Adults With Chronic Musculoskeletal Pain: A Mixed-Methods Systematic Review and Meta-Analysis. The Journal of Pain, 20(10).

Im kostenlosen Bereich des Altmann Instituts spreche ich regelmäßig darüber, was das Schmerzgedächtnis im Alltag bedeutet — und was man konkret tun kann.

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