Biokinematik — eine 150-jährige Linie | Claus Altmann

Methode · Geschichte

Biokinematik — eine 150‑jährige Linie

Wie ein Begriff aus dem Berliner Maschinenbau über Moskau zu einer Schmerztherapie in Emmendingen wurde.

Was Biokinematik heute ist — in meiner Praxis

Wenn ein Mensch zu mir kommt, der seit Jahren Schmerzen hat, schaue ich nicht zuerst dorthin, wo es weh tut. Ich schaue auf das Ganze. Auf die Kette. Denn der Körper bewegt sich nicht in einzelnen Teilen, sondern in zusammenhängenden Bewegungsbögen — und wenn irgendwo in dieser Kette ein Muskel nicht mehr frei mitschwingen kann, meldet sich der Schmerz oft ganz woanders. Das ist der Kern dessen, was ich Biokinematik nenne.

Es ist kein Rätsel und keine Weltanschauung. Es ist ein funktionelles Verstehen: Jede Bewegung folgt einer Geometrie. Wenn diese Geometrie gestört ist, versucht der Körper zu kompensieren. Die Kompensation funktioniert eine Weile — und irgendwann meldet sich das Nervensystem. Nicht als Fehler, sondern als Signal.

Was mich an diesem Zugang von Anfang an überzeugt hat, ist seine klinische Genauigkeit. Und erst sehr viel später habe ich verstanden, wie alt und wie gut verwurzelt die Denkfigur eigentlich ist, mit der ich jeden Tag arbeite.


Die Wurzeln — eine Linie, die 150 Jahre zurückreicht

Ich gebe zu: Ich habe jahrelang gearbeitet, ohne die Begriffsgeschichte wirklich zu kennen. Für mich war Biokinematik das Wort, das Walter Packi für seine Schmerztheorie verwendet hat, und das hat mir gereicht. Bis ich neugierig wurde. Woher kommt dieses Wort eigentlich? Wer hat es zuerst geprägt? Und ist es wirklich eine Erfindung Packis — oder steht dahinter etwas Größeres?

Die Antwort hat mich überrascht. Die Linie reicht bis ins Jahr 1875 zurück, führt über drei Länder und zwei Wissenschaftskulturen, und sie zeigt etwas, das ich vorher nicht gesehen habe: Die Methode, mit der ich arbeite, steht in einer der ältesten und seriösesten Traditionen der Bewegungswissenschaft überhaupt.

1875 — Franz Reuleaux in Berlin: Die kinematische Kette

Der Ahnherr ist ein Mann, den außerhalb des Maschinenbaus heute kaum jemand kennt. Franz Reuleaux, Professor für Maschinenbau in Zürich und Berlin, veröffentlicht 1875 ein Werk mit dem sperrigen Titel Theoretische Kinematik. Grundzüge einer Theorie des Maschinenwesens. Reuleaux gilt als der Vater der modernen Kinematik. Er war derjenige, der die Bewegung komplizierter Maschinen gedanklich zerlegte — in Elemente, in Paare, in Ketten.

Sein Schlüsselsatz lautet:

„Der Mechanismus ist eine geschlossene kinematische Kette; die kinematische Kette ist zusammengesetzt oder einfach und besteht aus kinematischen Elementenpaaren.“

Reuleaux dachte an Dampfmaschinen, an Getriebe, an Kolben und Zahnräder. An Menschen dachte er nicht. Aber er hat das begriffliche Werkzeug geschaffen, mit dem man später Bewegung überhaupt systematisch denken konnte: Das Element. Das Paar. Die Kette.

Am Rande bemerkt: Reuleaux war nicht allein. In denselben Jahren arbeitete Ludwig Burmester in München an seinem Lehrbuch der Kinematik (1888) — einem weiteren Meilenstein der geometrischen Bewegungslehre. Die 1870er und 1880er Jahre waren die große Epoche der deutschen Kinematik-Schule. Sie hat einen Begriffsapparat geschaffen, der bis heute trägt.

1960er‑Jahre — Dmitri Donskoi in Moskau: Die Übertragung auf den lebenden Körper

Fast hundert Jahre später greift ein russischer Sportwissenschaftler den Reuleaux‑Apparat auf — und überträgt ihn auf etwas, woran Reuleaux nie gedacht hätte: auf den menschlichen Bewegungsapparat. Sein Name ist Dmitri Dmitrijewitsch Donskoi, seine wichtigsten Werke erscheinen ab 1965 in Moskau.

Donskoi fügt dem Reuleaux‑Wortschatz ein Präfix hinzu, das den entscheidenden Unterschied macht: bio‑. Aus dem kinematischen Paar wird das biokinematische Paar — zwei Glieder des Körpers, durch ein Gelenk miteinander verbunden. Aus der kinematischen Kette wird die biokinematische Kette — das Zusammenspiel mehrerer solcher Paare zu einer Bewegungsfolge. Und aus einer rein mechanischen Beschreibung wird eine biologisch informierte Bewegungswissenschaft.

In Donskois Lehrbüchern taucht auch ein Gedanke auf, der mich beim Lesen besonders berührt hat — weil er haargenau das beschreibt, was ich jeden Tag in der Praxis sehe: Die Kraftmöglichkeiten einer biokinematischen Kette werden durch das schwächste Glied bestimmt. Wenn irgendwo in der Kette ein Element nicht mehr frei arbeiten kann, leidet das Ganze. Nicht das stärkste Element entscheidet, sondern das schwächste.

1975 — Donskoi auf Deutsch, im Sportverlag Berlin

Für die deutsche Wissenschaftsgeschichte ist ein Datum entscheidend: 1975 erscheint Donskois Hauptwerk auf Deutsch. Grundlagen der Biomechanik. Lehrbuch für allgemeine Biomechanik und Grundlagen der sportlichen Technik, 311 Seiten, Sportverlag Berlin. Parallel dazu gibt es eine westdeutsche Lizenzausgabe bei Bartels & Wernitz in Berlin. Damit ist der Begriff in beiden deutschen Staaten wissenschaftlich etabliert und in jeder sportwissenschaftlichen Bibliothek zugänglich.

Das heißt: Ab 1975 konnte jeder deutschsprachige Arzt, Physiotherapeut oder Sportwissenschaftler den Begriff biokinematische Kette in einem seriösen Fachbuch nachlesen. Er war kein Geheimnis. Er war Teil der akademischen Bewegungslehre.

Ab ca. 1990 — Walter Packi in Freiburg: Vom Analyseinstrument zum Therapieansatz

Und hier kommt Walter Packi ins Spiel. Packi hat in Freiburg Medizin studiert und als Unfallchirurg gearbeitet. Er hat viele Patienten operiert und sich irgendwann die Frage gestellt, die jeden ehrlichen Chirurgen früher oder später einholt: Warum haben manche Menschen nach einer technisch perfekten Operation immer noch Schmerzen?

Seine Antwort — und das ist seine eigentliche Leistung — war, die biokinematische Denkfigur aus der Sportwissenschaft in die Schmerztherapie zu übertragen. Wenn eine Bewegungskette ihre Geometrie verliert, entsteht Schmerz nicht im strukturell zerstörten Gewebe, sondern als funktionelles Signal. Nicht das kaputte Gelenk ist die Ursache, sondern der Muskel, der die Kette aus dem Lot gebracht hat.


Packis eigentliche Leistung

Es lohnt sich, diesen Punkt klar auszusprechen, weil er in der populären Darstellung oft verschwimmt. Donskoi und seine Schule haben die biokinematische Kette beschrieben. Sie war ein Analyseinstrument — ein Werkzeug, um Bewegungen im Leistungssport präzise zu verstehen, Fehler zu erkennen, Techniken zu optimieren. Der Sportwissenschaftler schaut auf die Kette, misst Winkel, berechnet Freiheitsgrade und schreibt ein Gutachten.

Packi hat etwas anderes getan. Er hat die Kette nicht nur analysiert — er hat sie behandelt. Das schwächste Glied wird nicht nur identifiziert, es wird berührt, stimuliert, in seine Funktion zurückgeführt. Aus einem Messinstrument wird eine Hand, die arbeitet. Aus der Geometrie wird eine klinische Praxis. Und aus der Beobachtung „dieser Muskel ist das schwächste Glied“ wird die Frage „was braucht dieser Muskel, um wieder frei zu werden?“.

Das ist der Sprung, den Packi vollzogen hat. Er hat einen sportwissenschaftlichen Begriffsapparat in einen therapeutischen Zugang verwandelt. Deshalb spreche ich heute — mit Respekt vor der wissenschaftlichen Tradition, aus der ich komme, und mit Respekt vor Packis eigener Leistung — von Biokinematik nach Walter Packi und Claus Altmann.


Und ich?

Ich arbeite seit 1995 in eigener Praxis. Ich habe bei Walter Packi gelernt, und ich habe in den dreißig Jahren seither manches dazugelegt, was über den reinen biokinematischen Zugang hinausgeht. Die Arbeit mit dem energetischen Feld, die ich über meine INEH‑Lehrtätigkeit vertieft habe. Die achtsamkeitsbasierte Haltung, die aus MBSR kommt und aus vielen Jahren eigener Praxis. Und ein Schmerzverständnis, das die biokinematische Denkfigur in einen größeren Rahmen stellt — den Rahmen eines Menschen, der nicht nur aus Muskeln und Gelenken besteht, sondern auch aus einer Geschichte, aus einem Nervensystem, aus Beziehungen, aus einer Seele.

Aber das Fundament, auf dem ich stehe, ist älter als ich dachte. Es reicht von Berlin 1875 über Moskau in den sechziger Jahren bis in eine Freiburger Praxis in den neunziger Jahren — und dann in meine Behandlungsräume in Emmendingen. Das ist eine Linie, auf die ich dankbar bin.

Wenn Sie diese Methode selbst erleben möchten — als Patient in meiner Praxis oder als Therapeut:in, der tiefer einsteigen will —, gibt es zwei Wege:

Für Patienten → Für Therapeut:innen →

Quellen

  • Franz Reuleaux: Theoretische Kinematik. Grundzüge einer Theorie des Maschinenwesens. Vieweg, Braunschweig 1875. — Volltext im Internet Archive: archive.org/details/theoretischekin01reulgoog
  • Ludwig Burmester: Lehrbuch der Kinematik. Felix Verlag, Leipzig 1888.
  • Д. Д. Донской: Биомеханика с основами спортивной техники. Moskau: Fizkultura i Sport, 1971.
  • D. D. Donskoi: Grundlagen der Biomechanik. Lehrbuch für allgemeine Biomechanik und Grundlagen der sportlichen Technik. Sportverlag, Berlin 1975, 311 Seiten. — Parallel als Lizenzausgabe bei Bartels & Wernitz, Berlin.
  • W. M. Saziorski / A. S. Aruin / W. N. Selujanow: Biomechanik des menschlichen Bewegungsapparates. Sportverlag, Berlin 1984, 144 Seiten. Übersetzung: Günter Friedrich.
  • Walter Packi: Biokinematik — eine neue Schmerztheorie. Aufsätze und Klinikschriften, Bad Krozingen, ab ca. 1990.
  • Russische Lehrbuchdarstellung der biokinematischen Paare und Ketten: ozlib.com/801943