Biokinematik — eine alte Denkweise in heutiger Praxis | Claus Altmann

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Methode · Geschichte

Biokinematik — eine alte Denkweise in heutiger Praxis

Von Aristoteles über Berlin und Moskau bis in eine Emmendinger Praxis — eine Linie, die 2.400 Jahre trägt.

Was Biokinematik heute ist — in meiner Praxis

Wenn ein Mensch zu mir kommt, der seit Jahren Schmerzen hat, schaue ich nicht zuerst dorthin, wo es weh tut. Ich schaue auf das Ganze. Auf die Kette. Denn der Körper bewegt sich nicht in einzelnen Teilen, sondern in zusammenhängenden Bewegungsbögen — und wenn irgendwo in dieser Kette ein Muskel nicht mehr frei mitschwingen kann, meldet sich der Schmerz oft ganz woanders. Das ist der Kern dessen, was ich Biokinematik nenne.

Es ist kein Rätsel und keine Weltanschauung. Es ist ein funktionelles Verstehen: Jede Bewegung folgt einer Geometrie. Wenn diese Geometrie gestört ist, versucht der Körper zu kompensieren. Die Kompensation funktioniert eine Weile — und irgendwann meldet sich das Nervensystem. Nicht als Fehler, sondern als Signal.

Was mich an diesem Zugang von Anfang an überzeugt hat, ist seine klinische Genauigkeit. Und erst sehr viel später habe ich verstanden, wie alt und wie gut verwurzelt die Denkfigur eigentlich ist, mit der ich jeden Tag arbeite.


Die längere Linie — von der Antike bis zur Renaissance

Die Denkweise, die heute Biokinematik heißt, ist nicht im 20. Jahrhundert erfunden worden. Sie hat eine Vorgeschichte, die bis in die klassische Antike zurückreicht — und sie zu kennen, verändert, wie man sie versteht.

Aristoteles (384–322 v. Chr.) hat als erster systematisch über Bewegung nachgedacht. In seiner Schrift De Motu AnimaliumÜber die Bewegung der Lebewesen — beschreibt er das Gelenk als Drehpunkt, den Muskel als treibende Kraft, das Glied als Hebel. Er fragte nicht nur, wie sich ein Tier bewegt, sondern warum seine Bewegung gelingt. Das ist die Frage, die jeder guten klinischen Arbeit zugrunde liegt, auch heute.

Archimedes (287–212 v. Chr.) hat das Hebelgesetz mathematisch formuliert. Der berühmte Satz „Gebt mir einen festen Punkt, und ich werde die Erde aus den Angeln heben“ ist keine Angeberei — er ist eine mathematische Aussage. Jede Bewegung eines Gelenks, bis heute, gehorcht diesem Gesetz, das 2.300 Jahre alt ist und sich nie ändern wird.

Leonardo da Vinci (1452–1519) hat die antike Mechanik mit der Anatomie des lebendigen Körpers verbunden. Sein Satz, den Donskoi in seinem Lehrbuch zitiert, ist der Geburtsmoment der biomechanischen Tradition: „Alle lebenden Körper, die die Fähigkeit zur Bewegung haben, handeln nach ihren Gesetzen.“ Die Gesetze der Mechanik, meint Leonardo, gelten nicht nur für Maschinen. Sie gelten für uns.

Giovanni Borelli (1608–1679), Schüler Galileis und Zeitgenosse Descartes', hat diese Intuition in ein Werk überführt, das als Geburtsurkunde der Biomechanik gilt: De Motu Animalium, posthum 1680 erschienen. Borelli hat Muskeln als Seile gezeichnet, Knochen als Hebel, Sehnen als Umlenkrollen. Er hat ausgerechnet, wie groß die Kraft sein muss, die der Hüftstrecker aufwendet, damit ein Mensch aufrecht steht — und ist zu Werten gekommen, die modernen Messungen erstaunlich nahekommen. Donskoi selbst bezeichnet Borellis Arbeit als den „Anfang der Biomechanik als Wissenszweig“.

Zwischen Borelli und dem 20. Jahrhundert liegen weitere wichtige Namen — die Brüder Wilhelm und Eduard Weber in Leipzig (1836), die erstmals den menschlichen Gang systematisch vermessen haben; der Anatom Rudolf Fick, der zwischen 1904 und 1911 sein dreibändiges Handbuch der Anatomie und Mechanik der Gelenke vorlegte und damit die funktionelle Anatomie des Menschen neu begründete. Es ist eine Traditionslinie von mehr als zwei Jahrtausenden, die im 19. Jahrhundert in Berlin und München eine besonders präzise Gestalt findet.


Die Wurzeln des modernen Begriffs

1875 — Franz Reuleaux in Berlin und Ludwig Burmester in München: Die kinematische Kette

Der moderne Brückenschlag zwischen dieser alten Denktradition und der heutigen Bewegungswissenschaft geschieht in Deutschland. Franz Reuleaux, Professor für Maschinenbau in Zürich und Berlin, veröffentlicht 1875 ein Werk mit dem sperrigen Titel Theoretische Kinematik. Grundzüge einer Theorie des Maschinenwesens. Reuleaux gilt als der Vater der modernen Kinematik — der wissenschaftlichen Beschreibung von Bewegung als Geometrie.

Sein Schlüsselsatz lautet:

„Der Mechanismus ist eine geschlossene kinematische Kette; die kinematische Kette ist zusammengesetzt oder einfach und besteht aus kinematischen Elementenpaaren.“

Reuleaux dachte an Dampfmaschinen, an Getriebe, an Kolben und Zahnräder. An Menschen dachte er nicht. Aber er hat das begriffliche Werkzeug geschaffen, mit dem man später Bewegung überhaupt systematisch denken konnte: Das Element. Das Paar. Die Kette.

Dreizehn Jahre später, 1888, erscheint in Leipzig das zweite und größere Werk dieser Epoche: Ludwig Burmesters Lehrbuch der Kinematik. Es ist ein monumentales Buch — 974 Seiten Text, dazu ein Atlas mit 57 lithographischen Tafeln. Koetsier, der wichtigste Wissenschaftshistoriker zu dieser Epoche, bezeichnet Burmesters Lehrbuch als den „ersten weitreichenden Versuch einer Synthese zwischen theoretischer Kinematik und Kinematik der Mechanismen“ — den Moment, in dem die Bewegungslehre zu einer geschlossenen mathematischen Disziplin wird.

Die Kernfrage, die Burmester stellt und beantwortet, ist denkbar einfach und gleichzeitig von großer Tragweite: Wie muss ein Gelenksystem konstruiert sein, damit ein bewegter Körper durch eine vorgegebene Folge von Positionen präzise geführt wird? Das klingt nach Maschinenbau — und war es zunächst auch. Aber es ist exakt die Frage, die jede Bewegungstherapie, jede orthopädische Operationsplanung, jede Prothesenkonstruktion bis heute im Kern beschäftigt. Burmester hat gezeigt, dass es für eine Folge von fünf präzisen Positionen immer höchstens vier ausgezeichnete Punkte gibt, die durch alle fünf Positionen auf einem Kreis wandern — die sogenannten Burmester-Punkte. Diese Theorie ist bis heute Standardlehrstoff im Maschinenbau weltweit. Sie trägt seinen Namen.

Burmester in der Medizin — die Wiener Schule seit 1974

Die Pointe an Burmesters Werk, die für die Biokinematik entscheidend ist, hat nicht er selbst formuliert. Sie ist erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Medizin aufgetaucht — und sie zu kennen, verändert alles.

1974 hat der Wiener Unfallchirurg Alfred Menschik in einer Reihe grundlegender Arbeiten gezeigt, dass das menschliche Kniegelenk — eines der komplexesten Gelenke des Körpers — ein Burmestersches Gelenkviereck ist. Das vordere und hintere Kreuzband bilden mit den entsprechenden Teilen von Oberschenkel- und Schienbeinknochen die vier Glieder dieses Vierecks; der Kreuzungspunkt der Bänder ist der mathematische Momentanpol der Bewegung; die komplizierte Roll-Gleit-Bewegung des Knies folgt exakt den Gesetzen, die Burmester 1888 für zwangläufige Gelenkmechanismen aufgestellt hat. Bei jeder Beugung verschiebt sich die Drehachse — der Kraftarm des Streckapparates wird länger. All das ist in Burmesters Mathematik vorgedacht.

Menschiks Arbeit wurde und wird in der Orthopädie, in der Knieforschung und in der Endoprothetik bis heute als Standardreferenz zitiert. In Fachartikeln zur Kreuzbandrekonstruktion taucht Burmester 1888 als Primärquelle auf. Aus einem Maschinenbau-Lehrbuch des 19. Jahrhunderts ist das mathematische Rückgrat der modernen Kniegelenksbiomechanik geworden.

Das muss man einen Moment auf sich wirken lassen. Der Apparat, an dem Burmester dachte, als er 974 Seiten über Gelenkvierecke, Koppelkurven und Burmester-Punkte geschrieben hat, ist exakt der Apparat, nach dem unser Knie gebaut ist. Die Natur hat gelöst, was der Mathematiker als Problem formuliert hatte — und der Mathematiker hat die Sprache geliefert, in der die Biologie verstanden werden kann.

Burmestersches Gelenkviereck mit Koppelkurven — Vier Glieder, vier Gelenke, ein Pol, der mitwandert. 1888 von Burmester geometrisch beschrieben, 1974 von Menschik ins Knie übertragen.

1960er‑Jahre — Dmitri Donskoi in Moskau: Die Übertragung auf den lebenden Körper

Fast ein Jahrhundert nach Reuleaux und Burmester greift ein russischer Sportwissenschaftler den Kinematik-Apparat auf und überträgt ihn auf etwas, woran Reuleaux nie gedacht hätte: auf den menschlichen Bewegungsapparat als Ganzes. Sein Name ist Dmitri Dmitrijewitsch Donskoi, Lehrstuhlinhaber am Staatlichen Zentralinstitut für Körperkultur in Moskau. Seine wichtigsten Werke erscheinen ab 1965.

Donskoi fügt dem Wortschatz der deutschen Kinematik-Schule ein Präfix hinzu, das den entscheidenden Unterschied macht: bio‑. Aus dem kinematischen Paar wird das biokinematische Paar — zwei Glieder des Körpers, durch ein Gelenk miteinander verbunden. Aus der kinematischen Kette wird die biokinematische Kette — das Zusammenspiel mehrerer solcher Paare zu einer Bewegungsfolge. Und aus einer rein mechanischen Beschreibung wird eine biologisch informierte Bewegungswissenschaft.

Was Donskoi von den Ingenieuren unterscheidet, ist sein Blick für das Lebendige. Er beschreibt die biokinematische Kette mit drei Eigenschaften, die in keiner Maschine so vorkommen:

Die Kette hat eine wechselnde Anzahl von Antriebsgliedern — mal arbeitet der Fuß als Ganzes mit dem Unterschenkel, mal bewegen sich alle Fußgelenke einzeln. Die Kette hat eine wechselnde Länge — jede Beugung und Streckung verändert Hebelarme und Trägheitsmomente. Und die Glieder selbst sind elastisch-zäh und biegsam, nicht starr — Muskeln sind über Faszien miteinander verwoben, was Donskoi bereits 1975 als „komplizierte Verflechtung der Muskelzugkräfte“ beschreibt. Diese Formulierung steht Jahrzehnte vor dem, was später unter dem Stichwort Faszienforschung Aufmerksamkeit bekam.

Einen Gedanken Donskois möchte ich besonders hervorheben, weil er haargenau das beschreibt, was ich jeden Tag in der Praxis sehe: Die Kraftmöglichkeiten einer biokinematischen Kette werden durch das schwächste Glied bestimmt. Wenn irgendwo in der Kette ein Element nicht mehr frei arbeiten kann, leidet das Ganze. Nicht das stärkste Element entscheidet, sondern das schwächste.

Und ein zweiter Satz Donskois, den er aus den Arbeiten des russischen Physiologen Nikolai Bernstein übernimmt und der für jede klinische Arbeit zentral ist: Die Verbindungen zwischen Nervenimpuls, Muskelanspannung und Gliederbewegung sind nicht gleichwertig und hängen von einer Vielfalt an Faktoren ab. Gleiche Nervenimpulse erzeugen je nach Ausgangslage unterschiedliche Spannungen, gleiche Spannungen unterschiedliche Bewegungen. Das ist die wissenschaftliche Grundlage dafür, warum identische Therapieanweisungen bei ähnlich scheinenden Patienten so unterschiedliche Ergebnisse bringen — und warum ein schematisches Protokoll bei chronischem Schmerz an seine Grenze kommen muss.

1975 — Donskoi auf Deutsch, im Sportverlag Berlin

Für die deutsche Wissenschaftsgeschichte ist ein Datum entscheidend: 1975 erscheint Donskois Hauptwerk auf Deutsch. Grundlagen der Biomechanik. Lehrbuch für allgemeine Biomechanik und Grundlagen der sportlichen Technik, 311 Seiten, Sportverlag Berlin. Parallel dazu gibt es eine westdeutsche Lizenzausgabe bei Bartels & Wernitz in Berlin. Damit ist der Begriff in beiden deutschen Staaten wissenschaftlich etabliert und in jeder sportwissenschaftlichen Bibliothek zugänglich.

Im Vorwort der deutschen Ausgabe benutzt der Innsbrucker Sportwissenschaftler Friedrich Fetz einen Begriff, der den Unterschied zwischen Donskois Arbeit und der heutigen Mainstream-Biomechanik auf den Punkt bringt: „innere Biomechanik“. Die moderne Biomechanik ist weitgehend äußerlich geworden — Sensoren, Videoaufnahmen, Kraftmessplatten. Donskois Werk und die biokinematische Tradition, aus der ich komme, interessieren sich für etwas anderes: für das, was im Inneren des lebendigen, sich selbst bewegenden Körpers geschieht. Das ist kein Mangel, sondern eine bewusste Perspektivwahl — und es ist die einzig sinnvolle Perspektive, wenn man am Patienten arbeitet.

Seit 1983 — Walter Packi in Freiburg: Der eigenständige Weg zurück zu Burmester

Walter Packi ist nicht über Donskoi zur Biokinematik gekommen. Er ist einen völlig eigenen Weg gegangen — und hat sich, fast parallel zur sowjetischen Linie, seine eigene Tür geöffnet.

Packi hat in Freiburg Medizin studiert und als Unfallchirurg gearbeitet. Er hat viele Patienten operiert und sich irgendwann die Frage gestellt, die jeden ehrlichen Chirurgen früher oder später einholt: Warum haben manche Menschen nach einer technisch perfekten Operation immer noch Schmerzen?

Auf diese Frage hat er sich die Antwort hart erarbeitet. Ab 1983 entwickelte Packi eine eigene Theorie des Schmerzes — was er seine „Schmerzlogik“ nennt — auf der Basis seiner schulmedizinischen Ausbildung und seiner Beobachtungen am Operationstisch. Um seine Überlegungen anatomisch und mathematisch abzusichern, hat er drei Jahre lang autodidaktisch Anatomie an der Universität Freiburg studiert und dann, weil das noch nicht reichte, vier weitere Jahre Geometrie und Mathematik bis zurück in die Antike.

Den entscheidenden Schlüssel hat er schließlich an einem Ort gefunden, an dem ihn kein Mediziner suchen würde: in Ludwig Burmesters Lehrbuch der Kinematik von 1888. Aus der Maschinenlehre des 19. Jahrhunderts kam die begriffliche Klarheit, die in der medizinischen Literatur fehlte. Und Packi hat dabei nicht irgendein vergessenes Lehrbuch ausgegraben. Er hat den Grundtext einer bis heute lebendigen orthopädischen Denktradition gefunden — jener Tradition, die neun Jahre zuvor in Wien das Kniegelenk als Burmestersches Gelenkviereck verstehen gelernt hatte. Nur hat Packi den Schlüssel in eine andere Richtung gedreht: nicht in die Prothesenkonstruktion und Operationsplanung wie die Wiener Schule, sondern in die konservative Schmerztherapie.

Und parallel dazu hat Donskoi in Moskau denselben Fundus gefunden und ihn zur Analyse sportlicher Bewegung genutzt. Drei Menschen, drei Länder, drei Anwendungen — ein gemeinsamer deutscher Ursprung von 1888.

1988 gründete Packi seine erste eigene Praxis für Biokinematik in Freiburg. 1999 begann die Zusammenarbeit mit der Reha-Klinik St. Urban in Freiburg zur stationären Behandlung. Aus seiner autodidaktischen Forschung wurde eine klinische Praxis, aus der klinischen Praxis eine eigene Schule.


Parallele Stimmen — Alois Brügger und die neurologische Linie

Wenn man die Geschichte so erzählt, wie ich sie bis hierher erzählt habe — Reuleaux, Burmester, Donskoi, Packi — entsteht leicht der Eindruck, die funktionelle Sicht auf den Schmerz sei das Werk weniger einzelner Menschen. Das wäre nicht ganz richtig. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich in mehreren Fachtraditionen, voneinander unabhängig und manchmal fast zeitgleich, eine ähnliche Grundeinsicht herausgebildet: Der Ort des Schmerzes ist selten der Ort seiner Ursache.

Der wichtigste dieser parallelen Denker — neben Packi der bekannteste in der deutschsprachigen Medizin — ist der Schweizer Neurologe und Psychiater Alois Brügger (1920–2001). Brügger arbeitete ab 1955 an einer eigenen Theorie der Funktionsstörungen des Bewegungsapparates, ausdrücklich aus der Richtung der Neurologie, nicht der Biomechanik. Sein Hauptwerk Die Erkrankungen des Bewegungsapparates und seines Nervensystems erschien 1977 bei Gustav Fischer in Stuttgart — sechs Jahre bevor Packi seine eigene Schmerzlogik zu formulieren begann. Ein Einfluss Brüggers auf Packi ist nicht belegt; beide haben ihre Wege unabhängig gefunden.

Brüggers Kernthese ist von der Packis nicht weit entfernt, nur in einer anderen Sprache formuliert. Er beschreibt, wie ein Störfaktor irgendwo im Körper — ein gereiztes Gewebe, eine überlastete Struktur — auf der Ebene des Nervensystems ein reflektorisches Schutzprogramm auslöst. Als Folge werden bestimmte Muskeln unwillkürlich überaktiviert (er nennt das hyperton-tendomyotisch), andere abgeschwächt (hypoton-tendomyotisch). Der Körper baut eine Ausweichbewegung, von der der Patient nichts weiß. Und an dem Muskel, der in dieses Schutzmuster eingespannt ist, tritt schließlich der Schmerz auf — obwohl die Ursache ganz woanders sitzt. Brügger nannte dieses Phänomen pseudoradikuläre Beschwerdesymptomatik: Es sieht aus wie ein Nervenwurzel-Schmerz, ist aber keiner.

Was Brügger von Packi unterscheidet, ist die Linse, durch die er schaut. Packi sieht die Geometrie der Kette — welches Glied ist das schwächste, wo hat die Bewegungsfolge ihre Form verloren. Brügger sieht das reflektorische Schaltbild des Nervensystems — welcher Muskel wird durch welchen Störfaktor ins Schutzprogramm gezwungen. Derselbe Patient, dasselbe Phänomen, zwei verschiedene Beschreibungsebenen. Beide Ebenen gehören zu einem vollständigen Bild.

Für mich ist das eine der wichtigsten Einsichten. Wenn unabhängige Forscher aus verschiedenen Fachtraditionen — ein russischer Sportwissenschaftler in Moskau, ein deutscher Chirurg in Freiburg, ein Schweizer Neurologe in Zürich — ohne voneinander zu wissen zu ähnlichen Grundaussagen kommen, dann spricht das nicht für eine einzelne Methode oder Schule, sondern für die Sache selbst. Die funktionelle Sicht auf Schmerz ist keine Meinung einzelner. Sie ist eine Einsicht, die aus mehreren Richtungen zugleich sichtbar geworden ist — und in jeder dieser Richtungen ihre eigene, exakte Sprache gefunden hat.


Packis eigentliche Leistung

Vor dem Hintergrund dieser parallelen Stimmen lohnt es sich, Packis eigenen Beitrag klar auszusprechen, weil er in der populären Darstellung oft verschwimmt. Donskoi und die deutsche Kinematik-Schule vor ihm haben die biokinematische Kette beschrieben. Brügger hat die reflektorischen Schutzmuster des Nervensystems beschrieben. Die Wiener Orthopäden haben den Burmester-Apparat genutzt, um Gelenkprothesen zu entwerfen und Bandrekonstruktionen zu planen.

Packi hat etwas anderes getan. Er hat die Kette nicht nur analysiert oder nachgebaut — er hat sie behandelt. Das schwächste Glied wird nicht nur identifiziert, es wird berührt, stimuliert, in seine Funktion zurückgeführt. Aus einem Messinstrument wird eine Hand, die arbeitet. Aus der Geometrie wird eine klinische Praxis. Und aus der Beobachtung „dieser Muskel ist das schwächste Glied“ wird die Frage „was braucht dieser Muskel, um wieder frei zu werden?“.

Das ist der Sprung, den Packi vollzogen hat. Er hat einen ingenieurwissenschaftlichen Begriffsapparat in einen therapeutischen Zugang verwandelt — nicht indem er eine Tradition fortschrieb, sondern indem er selbst eine eigene Brücke gebaut hat zwischen Burmesters Kinematik von 1888 und der Schmerztherapie der Gegenwart. Deshalb spreche ich heute — mit Respekt vor der wissenschaftlichen Tradition, aus der ich komme, und mit Respekt vor Packis eigener Leistung — von Biokinematik nach Walter Packi und Claus Altmann.


Wo die biokinematische Denkweise heute steht

Eine Frage, die mir manche Therapeut:innen stellen: Ist Biokinematik heute wissenschaftlich anerkannt? Die ehrliche Antwort ist differenziert.

Als spezifische Methode im Sinne Packis ist die Biokinematik in der akademischen Schmerzforschung kaum rezipiert. Unabhängige kontrollierte Studien zur Wirksamkeit gibt es nicht in nennenswerter Zahl. Das muss man klar sagen. Der klinische Erfahrungsschatz — meiner und der vieler Kolleg:innen, die seit Jahrzehnten in dieser Tradition arbeiten — wiegt für mich schwer, aber er ersetzt keine Studien.

Was sich aber sagen lässt: Die Denkweise, auf der die Biokinematik beruht, ist im aktuellen Forschungsdiskurs sehr lebendig — in drei parallelen Strängen.

Erstens, in der Motor-Control-Forschung. Der russische Physiologe Nikolai Bernstein, den Donskoi 1975 zitiert, ist heute eine der am häufigsten zitierten Autoritäten in der internationalen Bewegungswissenschaft. Sein Freiheitsgrade-Problem — die Frage, wie das Nervensystem aus unzähligen möglichen Bewegungsausführungen die passende wählt — treibt seit sechs Jahrzehnten die Forschung an, und Konzepte wie Muskelsynergien, neuronale Redundanz und kontextabhängige Muskelfunktion sind inzwischen Lehrbuchwissen.

Zweitens, im Kinetic-Chain-Diskurs der muskuloskelettalen Rehabilitation. Was Donskoi „biokinematische Kette“ nannte und was Packi bei Burmester „kinematische Kette“ gelesen hat, heißt in der englischsprachigen Literatur heute kinetic chain oder kinematic chain. Die gemeinsame Wurzel ist derselbe deutsche Kinematik-Apparat des 19. Jahrhunderts. Aktuelle Review-Artikel beschreiben — zunehmend auch mit Bezug auf Faszien und Tensegrity — fast wörtlich das, was klinisch in der biokinematischen Arbeit geschieht: Blockaden in einem Kettenglied erzeugen Kompensationen, Überlastungen und Schmerzen an entfernter Stelle.

Drittens, in der Mechanobiologie. Die Erforschung der Frage, wie mechanische Belastung die Biologie der Gewebe steuert — Knochen, Knorpel, Sehnen, Faszien — ist einer der dynamischsten Zweige der biomedizinischen Forschung. Sie bestätigt im Detail, was jeder Biokinematiker aus der Praxis weiß: Bewegung formt Struktur. Schonung schwächt, sinnvolle Belastung heilt.

Die Biokinematik als Methode mag in der Fachwelt wenig bekannt sein. Die Denkweise, auf der sie beruht, ist im Zentrum der aktuellen Bewegungswissenschaft angekommen.


Und ich?

Ich arbeite seit 1995 in eigener Praxis. Ich habe bei Walter Packi gelernt, und ich habe in den dreißig Jahren seither manches dazugelegt, was über den reinen biokinematischen Zugang hinausgeht. Die Arbeit mit dem energetischen Feld, die ich über meine INEH‑Lehrtätigkeit vertieft habe. Die achtsamkeitsbasierte Haltung, die aus MBSR kommt und aus vielen Jahren eigener Praxis. Und ein Schmerzverständnis, das die biokinematische Denkfigur in einen größeren Rahmen stellt — den Rahmen eines Menschen, der nicht nur aus Muskeln und Gelenken besteht, sondern auch aus einer Geschichte, aus einem Nervensystem, aus Beziehungen, aus einer Seele.

Aber das Fundament, auf dem ich stehe, reicht weiter zurück. Von Aristoteles und Archimedes über Leonardo und Borelli, über Burmesters Leipziger Lehrbuch von 1888 und die Wiener Kniegelenksforschung, über Donskois Moskauer Lehrstuhl und Packis autodidaktischen Weg zurück zu Burmester — bis in meine Praxis in Emmendingen. Dass ich in dieser Linie stehen und weiterarbeiten darf, empfinde ich als Geschenk.

Wenn Sie diese Methode selbst erleben möchten — als Patient in meiner Praxis oder als Therapeut:in, der tiefer einsteigen will —, gibt es zwei Wege:

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Quellen

  • Aristoteles: De Motu Animalium (dt.: Über die Bewegung der Lebewesen), ca. 350 v. Chr.
  • Giovanni Alfonso Borelli: De Motu Animalium, posthum Rom 1680.
  • Franz Reuleaux: Theoretische Kinematik. Grundzüge einer Theorie des Maschinenwesens. Vieweg, Braunschweig 1875. — Volltext im Internet Archive: archive.org/details/theoretischekin01reulgoog
  • Ludwig Burmester: Lehrbuch der Kinematik. Erster Band: Die ebene Bewegung. Verlag A. Felix, Leipzig 1888, 974 Seiten und Atlas mit 57 lithographischen Tafeln.
  • Otto Fischer: Theoretische Grundlagen für eine Mechanik der lebenden Körper. Teubner, Leipzig 1906.
  • Rudolf Fick: Handbuch der Anatomie und Mechanik der Gelenke, 3 Bände, Fischer Verlag Jena, 1904–1911.
  • Alfred Menschik: Mechanik des Kniegelenks, Teil 1. Zeitschrift für Orthopädie und ihre Grenzgebiete 112 (1974), S. 481–495.
  • Nikolai A. Bernstein: The Co-ordination and Regulation of Movements. Pergamon Press, Oxford 1967.
  • Alois Brügger: Die Erkrankungen des Bewegungsapparates und seines Nervensystems. Grundlagen und Differentialdiagnose. Ein interdisziplinäres Handbuch für die Praxis. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1977. Erweiterte Auflagen 1980 und 1986.
  • Д. Д. Донской: Биомеханика с основами спортивной техники. Moskau: Fizkultura i Sport, 1971.
  • D. D. Donskoi: Grundlagen der Biomechanik. Lehrbuch für allgemeine Biomechanik und Grundlagen der sportlichen Technik. Sportverlag, Berlin 1975, 311 Seiten. — Parallel als Lizenzausgabe bei Bartels & Wernitz, Berlin.
  • W. M. Saziorski / A. S. Aruin / W. N. Selujanow: Biomechanik des menschlichen Bewegungsapparates. Sportverlag, Berlin 1984, 144 Seiten. Übersetzung: Günter Friedrich.
  • Teun Koetsier: The Centenary of Ludwig Burmester's „Lehrbuch der Kinematik“. In: Mechanism and Machine Theory 24 (1989), S. 37–38.
  • Walter Packi: Biokinematik — eine neue Schmerztheorie. Aufsätze und Klinikschriften, Bad Krozingen, ab ca. 1988.
  • Russische Lehrbuchdarstellung der biokinematischen Paare und Ketten: ozlib.com/801943